Fotos von den Cuernos del Paine waren für mich immer ein Sinnbild für unberührte, abgeschiedene Wildnis. Ganz anders, als die Bilder suggerieren, ist hier einiges los: Über die Straße holpert ein Tourbus nach dem anderen und mehrere Busse bringen auch noch täglich eine Flut an Wanderern in den Nationalpark. Das nach der Form auf der Karte benannte „W“ gehört sicherlich zu den beliebtesten Treks der Erde, und das zu Recht. Empfehlenswert ist aber, gleich das komplette Bergmassiv zu umrunden, das W ist dann die spektakuläre südwestliche Hälfte. Auf der „Rückseite“ ist es ruhiger, obwohl auch hier die Landschaft wundervoll abwechslungsreich ist. Wer stur durchläuft, schafft den kompletten Cirquit in 7 Tagen, aber wie immer in Patagonien sollte man von vornherein ein paar zusätzliche Tage einplanen, um hin und wieder auf gutes Wetter zu warten.
Leider gab es in den letzten Jahren zwei Mal verheerende Waldbrände, die eine riesige Fläche zerstört haben. Wer die Bilder von saftig grünen Hügeln im Kopf hat und von knorrigen, vom Wind zerzausten Südbuchen, all das ist Geschichte. Die Hügel sind braun-grau und von den Bäumen sind nur verkohlte Stämme übrig, ein trauriger Anblick und eine Mahnung, was Trekker anrichten können. Die Berge sind aber trotzdem fantastisch, die Gletscher sind noch (noch!) riesig und die Seen haben noch immer ihre unglaubliche Farbe. Paine bedeutet übrigens blau, in der indigenen Sprache.
Wer sich für Geologie interessiert, hat hier einiges zu entdecken (vgl. Bewegte Bergwelt). Ich kenne keine weitere Granit-Intrusion, bei der man den Kontakt zum Nebengestein (klastische Sedimente) so gut in allen drei Dimensionen sehen kann, so perfekt sind die Täler und Bergwände angeordnet. Ein Lakkolith, wie er im Buche steht. Man kann richtig nachvollziehen, wie sich die Schmelze zwischen die Sedimentschichten gequetscht hat. An einigen Stellen sind Gänge zu sehen, die von der Intrusion abzweigen, an einer anderen Stelle sind große Stücke des Daches in die Intrusion abgesunken. Genau genommen gab es drei Pulse von Granitmagma, die jeweils unter die älteren eingedrungen sind (Michel et al 2008).
Da das Wetter gut ist, wandere ich vom Startpunkt Amarga gleich zum Höhepunkt des Treks, zu den Torres del Paine. Allerdings ist der Sonnenaufgang dann doch nicht so gut und da man im „Base Camp“ nur eine Nacht bleiben darf, steige ich für den zweiten Versuch in 2 Stunden mit Stirnlampe von der Hütte Chileno auf. Es hat sich gelohnt! Die drei Türme über dem See sind ein großartiger Anblick. Kein Wunder, dass sie oft mit den Drei Zinnen verglichen werden, aber sie sind viel höher! Die höchste Spitze ist übrigens, auch wenn es aus dieser Perspektive nicht so aussieht, die linke: Der Gipfel befindet sich fast 2000 m oberhalb des Sees.
Weil ich denke, das gute Wetter ausnutzen zu müssen, marschiere ich gleich zum normalerweise mehr als 2 Etappen entfernten Refugio Dickson. Es geht vorbei an den Mäandern des Rio Paine, über Margeritenwiese und über Bergwiesen voller Orchideen, an einem See vorbei und durch Sümpfe, bevor die auf einer Halbinsel an einem See gelegene Hütte in Sicht ist. Im Hintergrund leuchtet das Inlandeis.
Von all dem ist an den nächsten zwei Tagen nichts mehr zu sehen, heftiger Regen und in der Hütte gibt es nicht mal eine warme Dusche, weil das Gas aus ist …
Nach einer Nacht im Camp Los Perros steige ich in heftigem Schneegestöber und eisigem Wind zum Pass auf, dabei hatte der steigende Luftdruck Hoffnung gemacht. Und tatsächlich, kaum auf der anderen Seite reißt es immer mal wieder auf und gibt den Blick auf die riesige Eisfläche des Grey-Gletschers frei.
Kurz nach dem Refugio Grey beginnt das verbrannte Gebiet. Die Blicke auf den See und die Gletscher sind noch immer großartig, wie viel schöner muss es hier gewesen sein!
Es folgt ein Abstecher ins Valle del Frances, anfangs steigt man mit Blick auf die eisige Wand des Paine Grande auf und erreicht einen weiten Talkessel, der rund herum von riesigen Felswänden und Türmen umgeben ist. Nur zu gern hätte ich das ganze Panorama auf einmal gesehen, aber leider tauchen immer nur einzelne Berge aus den Wolken auf, wenn überhaupt.
Nachdem ich 3 Nächte im Tal verbracht habe, gebe ich auf. Allein schon, weil ich kein Essen mehr habe, nicht einmal eine einzige Haferflocke ist noch übrig und auch das Buch ist zu Ende. Mittags nehme ich mit ein paar teuren Keksen vorlieb, etwas anderes war in der Hütte Los Cuernos nicht zu bekommen. Der letzte Tag bietet vor allem Blicke auf den See Nordenskjoeld, dann ist die Runde geschlossen.
Das Ende währe etwas traurig, aber es fehlt ja noch der Postkartenblick über den Lago Pehoe auf die Cuernos del Paine! Diesen hat man direkt vom Campingplatz Pehoe. Den Bus verpasse ich leider knapp, was sich aber als Glück herausstellt, denn dadurch habe ich Zeit, ein paar Guanacos zu fotografieren, die vor den Torres del Paine posieren, bevor ich von einem brasilianischen Geologen-Pärchen mitgenommen werde.
So sitze ich dann am Abend mit unglaublichem Blick im Restaurant des Campingplatzes, ein perfekter Abschluss und nebenbei ist auch noch Weihnachtsabend. Das Wetter ist plötzlich pervers gut, kein einziges Wölkchen mehr am Himmel und die Aussicht sieht so unwirklich aus, dass ich am Liebsten an der Scheibe kratzen würde, um zu sehen, ob es nicht doch nur eine Tapete ist. Zwei Tage lang verfolge ich, wie sich die Farben im wechselnden Licht verändern.